Piratensender in der Nordsee – Die Geschichte der Maunsell Forts

von Max

Wisst ihr, was eines der interessantesten Inselphänomene ist? Der Piratensender. Das klingt nach Techno-Romantik, tatsächlich aber sind Piratensender nicht weniger als Stachel im Fleisch der Kulturbarbarei.

Alte Tante BBC

Stellt euch vor, ihr sitzt in einem Großraumbüro (wie ich, leider), wollt dem allgemeinen Gequake durch Radiohören entgehen, schaltet ein und hört seichtesten Pop. Ihr schaltet ärgerlich um und nun tönt Trivialklassik aus dem Äther (Bolero, Strauß etc.). Noch mal wütendes Umschalten – nun ist eine debile Quiz-Sendung nach dem Bingo-Prinzip an der Reihe, bei der gelangweilte Menschen die Sinnlosigkeit ihrer Existenz hartnäckig leugnen und dafür auch noch Preisen bekommen. Ihr denkt „Marktlücke“, wollt selbst Musik ausstrahlen, aber ein obskures Rundfunkamt verbietet es euch. „Schund“, sagt man euch, „was Sie da probieren, ist Schund.“ Ende der Debatte.

Passiert ist exakt dieses Szenario im England der 1960er-Jahre. Die BBC hatte das Sendemonopol und kontaminierte die Inseln mit einem Programm, bei dem selbst Margot Honecker einschlief. In meinen Augen ist das kulturelle Diktatur und nicht wenige junge Engländer sahen das genauso. Da sind sie die Nazis los geworden und kaum 20 Jahre später will schon wieder jemand sagen, wo es lang geht.

Festung Knock John

Festung Knock John Tower, der erste Sendeplatz von "Radio Essex", Foto: Wikipedia.

Seefestungen in der Nordsee

Die ersten Angriffe auf die BBC gingen von Schiffen aus und von Relikten des Zweiten Weltkriegs: den Maunsell Forts, künstlichen Festungen vor der englischen Ostküste. Es dauerte nicht lange, bis zahlreiche Piratensender von See her das gesamte Vereinigte Königreich mit Rock, Jive, Blues und Jazz beschallten. Die DJs dieser Stationen, darunter Paddy Roy Bates und Jack Moore, wurden Popstars. Ihre Playlists deklassierten binnen Wochen das Programm der alten Tante BBC als das was es war: verstaubter kalter Tee.

Der ehemalige Major Bates war ein echter Fanatiker. Zunächst sendete er direkt aus der Themsenmündung von der Festung Knock John Tower unter dem Namen „Radio Essex“. Das sorgte für erheblichen Ärger. Die Tätigkeit der Piratensender drang bis in den Buckingham Palace. Bates wurde wegen Verstoß gegen das britische Rundfunkgesetz angeklagt und musste Knock John Tower räumen.

Seland fortress

Die Seefestung Roughs Tower lag außerhalb der Dreimeilen-Zone und damit unter Radiopiraten hoch begehrt. Als die Macher von "Radio City" die Türme übernehmen wollten, wurden sie von Paddy Roy Bates mit selbst gemachten Bomben abgewehrt. Foto: Wikipedia

Er gab jedoch nicht auf, sondern fasste eine Festung in internationalen Gewässern, außerhalb der damals geltenden Dreimeilen-Zone der Hoheitsgewässer ins Auge. Während Bates auf Roughs Tower zusteuerte, erreichten Sender wie „Radio Caroline“ (eine Flotte von fünf Schiffen außerhalb der Hoheitsgewässer), „Radio Veronica“ (Niederlande) und “Radio Atlanta” (ein Schiff vor Essex) mehr Hörer als die BBC. Ein Goldrausch setzte ein, denn die Werbeindustrie erkannte die jungen Sender als Trendsetter und kauften Sendeminuten en gros.

Kulturwandel im britischen Radio

Während nun Paddy Roy Bates Roughs Tower besetzte und drauf und dran war, mit Radio Essex Mark 2 erneut auf Sendung zu gehen, erließ Großbritannien den Marine Broadcasting Offences Act und stellten auch unlizensierte Radioausstrahlungen aus internationalen Gewässern unter Strafe. Dieses Gesetz sollte das Rumpeln der BBC übertönen, die umkippte und fortan auch Pop und Rock spielte. Die Radiopiraten gaben auf und auch Bates verzichtete auf eine Neuauflage von Radio Essex. Das Ziel war erreicht: Beatles und Stones im britischen Äther. Bates weigerte sich aber, die Seefestung zu verlassen. Warum, das erfahrt ihr hier am 2. September, einem Jahrestag, auf den ich mich schon seit Wochen freue.

Ich finde, die Geschichte der britischen Piratensender schreit nach einem Buch. Es scheint aber keinen einschlägigen Titel zu geben. Irgendjemand sollte sich an die Arbeit machen. Eine Rezension ist hiermit versprochen.

Zum Schluss, liebe Freunde der Isla del Paso, Musik aus den 60ies mit Eric Burdon und THE ANIMALS!!!